Standort Tafel 32 Langrüti West

Station 32, Langrüti West

Der Gutshof von Geoerge Ham Page

Der amerikanische Unternehmer George Ham Page (1836–1899) ist vielen als Mitgründer der Anglo-Swiss Condensed Milk Company bekannt – der ersten Kondensmilchfabrik Europas mit Sitz in Cham. Doch sein Pioniergeist beschränkte sich nicht nur auf die Nahrungsmittelindustrie. In der Langrüti schuf er ab 1880 einen für die damalige Zeit revolutionären landwirtschaftlichen Musterbetrieb.

Im Rahmen seiner Arbeit mit Milchlieferanten erkannte Page schnell, wie wichtig moderne und effiziente Landwirtschaft war. 1880 erwarb er den 72 Hektar grossen Langrütihof sowie die benachbarten Höfe Eichhof und Rothus. Auf rund 2’000 Jucharten baute er einen Gutsbetrieb nach amerikanischem Vorbild auf – geprägt von technischer Innovation und strategischer Planung.

In einem beispiellosen Kraftakt liess er das hügelige Land roden, die hochstämmigen Obstbäume fällen und stattdessen eine ausgeklügelte niederstämmige Obstplantage anlegen – eine Seltenheit in Europa. Insgesamt importierte er 12’000 Obstbäumchen aus Amerika, darunter erstmals die Apfelsorte Jonathan, daneben auch Baldwins, Ben-Davies, Wealthy, Maiden’s Blush und Whitney’s Crab. Die Bäume verkaufte er für damals 1.50 Franken pro Stück an die umliegenden Bauern.

Sheddhallen für die Rinder

Auch die Tierhaltung wurde neu gedacht: Für seine Jersey-Rinder – ebenfalls eine Innovation – liess Page Ställe mit Sheddächern bauen, inspiriert von Industriebauten seiner Zeit. Die 20 x 40 Meter grosse Halle wurde stützenfrei konstruiert – für die damalige Zeit ein bauliches Meisterwerk.

Und nicht nur die Architektur war modern: Die Tierwohl-Idee war Page bereits wichtig. Gemeinsam mit seiner Frau Adelheid Page-Schwerzmann erwarb er 1884 den Hof Horbach im Ägerital. Die Kühe der Langrüti verbrachten dort den Sommer – eine Art alpine Sommerresidenz für das Vieh.

Für die Leitung des Betriebs setzte George auf seinen jüngeren Bruder William Beede Page (1854–1906). Doch trotz des innovativen Fundaments zeigte sich bald: Der Betrieb war für William zu gross und zu komplex.

Auch landschaftlich hinterliess Page bleibende Spuren. Leider steht von den Mammutbäumen (Sequoiadendron giganteum) heute keine einziger mehr. Dafür stehen die Kastanien- und Lindenalleen im Park um die Villa und die Nussbaumallee entlang der Langrütistrasse seit 1930 unter Schutz.

Die geschützte Nussbaumallee entlang der Langrütistrasse

Mehr zu George Ham und Adelheide Page siehe Station #31

Pages Erbe als Familienbetrieb

Als George Ham Page seinen Landwirtschaftsbetrieb in der Langrüti aufbaute, setzte er auf die Unterstützung seines jüngeren Bruders William Beede Page (1854–1906). Doch trotz des soliden Fundaments zeigte sich bald: Die Leitung eines so gross angelegten Gutsbetriebs war für William eine zu grosse Herausforderung.

1894 wurde der Hof deshalb an Maurice Lustenberger, Gründer eines Käse-Exportunternehmens in Sursee, verkauft.

Rudolf Hofer

Den landwirtschaftlichen Teil übernahm 1902 Rudolf Hofer aus dem Emmental – und legte damit den Grundstein für eine bis heute bestehende Familientradition.

Heute führt die Familie Hofer den Gutsbetrieb Langrüti bereits in der 4. Generation. Mit viel Engagement und Respekt vor der Geschichte des Ortes wurde das historische Stallgebäude mit dem markanten Sheddach aufwändig saniert und modernisiert.

Auf rund 25 Hektaren Wies- und Ackerland baut die Familie heute Futter für die eigene Rindermast an – ein Beispiel dafür, wie historische Strukturen und moderne Landwirtschaft in der Langrüti erfolgreich zusammenspielen.

Landwirt Peter Hofer

 

Der heutige moderne Stall

 

Die Shedhalle

Der von George Ham Page errichtete Stall mit dem charakteristischen Paralleldach und die angrenzende Remise wurden 2010 als «Baudenkmal von regionaler Bedeutung» unter Denkmalschutz gestellt. 2014 wurde das Ensemble mit dem Denkmalpreis der Schweizerischen Denkmalpflegerinnen und Denkmalpfleger (KSD) ausgezeichnet. Der Preis ging an Besitzer Peter Hofer – für sein aussergewöhnliches Engagement zur Erhaltung dieses kulturell bedeutenden Gebäudes.

Denkmalpfleger Roman Brunner beschreibt das Gebäude so:
„Der Stall ist mit sieben talseitig aneinander gereihten Satteldächern bedeckt. Die Giebelseiten sind mit je zwei, mit Sandstein gerahmten stichbogenartigen Türen bzw. Fenstern mit Schlagläden und einem Okulus im Giebelfeld ausgestattet.“

Zeichnung der Sheddhallen

Der Stallbau ist ein verputzter Massivbau und ein einzigartiges Zeugnis der landwirtschaftlich-industriellen Baukultur des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Peter Hofer veranlasste 2011 die umfassende Sanierung des Grossraumstalls von 1881. Architekt Paul Bucher versetzte das Gebäude fast vollständig in seinen ursprünglichen Zustand zurück. Unsichtbare Stabilisierungen aus grossflächigen Dreischichtplatten wurden auf die bestehende Dachkonstruktion gelegt. Diese Platten ruhen auf den Aussenmauern und tragen heute das Dach – ganz ohne störende Stützen im Innenraum. So konnte der charakteristische, weite und stützenfreie Raum wiederhergestellt werden.

Die Sanierung erfolgte mit Bedacht:

  • Das Dach, die Fensterläden, Mauern und der Aussenputz wurden nur punktuell repariert
  • Die Fenster wurden neu mit Isolierverglasung ausgestattet
  • Die ursprüngliche Dachkonstruktion blieb erhalten
  • Die Innenwände wurden roh belassen, was dem Raum seinen ursprünglichen Charakter bewahrt

Blick in die Sheddhalle mit der Druckerei Heller

Seit 2012 beherbergt die Halle die Druckerei Heller, die ihre Produktion aus Cham hierher verlegt hat.

Heller Druck AG 

Das Armenhaus Langrüti

Für die Hünenberger war die Langrüti im 19. Jahrhundert ein wichtiger Ort. 1828 erwarb die Armenkommission der Gemeinde Hünenberg von den Brüdern Alois und Kaspar Baumgartner eine Liegenschaft in der Langrüti. Damit wurde das Gebiet zu einem zentralen Ort der sozialen Fürsorge für die Gemeinde.

Ein Teil der Liegenschaft wurde 1883 an den amerikanischen Unternehmer George Ham Page verkauft, der in der Langrüti seinen visionären Musterhof errichtete.

In der Chronik von Hünenberg ist festgehalten, dass die Armenhausscheune 1890 einem Brand zum Opfer fiel. Noch im selben Jahr wurde sie wieder aufgebaut – und die Bürgergemeinde gab der Liegenschaft den neuen Namen „Bürgerhof“.

1902 wurde ein neues Wohnhaus errichtet – das noch heute bestehende Backsteinhaus Langrüti 17. Unter dem Dach erinnert die eingemauerte Jahreszahl sowie das Hünenberger Wappen an den Neubau und seine Bedeutung.

Das 1902 neu erstellte Wohnhaus Langrüti 17

Der Hof wurde verpachtet, und der Erlös aus den Pachten kam jahrzehntelang bedürftigen Hünenberger Bürgerinnen und Bürgern zugute.

In den späten 1960er-Jahren wurden im Rahmen einer Landumlegung grössere, besser nutzbare Parzellen geschaffen. Dabei wurde die Liegenschaft Langrüti gegen Land im Grüt südlich der Burg Hünenberg getauscht. Dort steht seither der neue Bürgerhof Hünenberg – der bis 2012 als Landwirtschaftsbetrieb genutzt wurde. Aktuell werden im ehemaligen Bauernhaus Wohnungen und in der Scheune Parkplätze vermietet.

 

Mehr zur Armenliegenschaft

Text:        Patricia Diermeier, Peter Hofer, Guido Wetli

Fotos:      Amt für Denkmalpflege, Patricia Diermeier, Peter Hofer, Thomas Müller

Sponsor:  Familie Hofer

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